Deutschlands Energieinfrastruktur wird immer vernetzter, dezentraler und digital gesteuert. Von Kraftwerken und Gasnetzen bis hin zu Anlagen für erneuerbare Energien, Umspannwerken und Speichereinrichtungen – die Betriebstechnik sorgt dafür, dass wichtige Dienste am Laufen bleiben. Die zunehmende Vernetzung bietet Cyberangreifern jedoch auch mehr Möglichkeiten, physische Prozesse zu stören, Anlagen zu beschädigen und die Versorgung zu unterbrechen. Für deutsche Energieunternehmen ist die OT-Sicherheit daher mehr als nur ein IT-Thema oder eine Compliance-Anforderung. Sie ist von grundlegender Bedeutung für die Betriebsresilienz, die öffentliche Sicherheit und die nationale Sicherheit. Jüngste Angriffe auf europäische Energieanlagen zeigen, dass Unternehmen jeder Größe ihre Anlagen kennen, ihre Verbindungen sichern und sich auf Betriebsstörungen vorbereiten müssen.
Im Juli 2026 zwang ein Cyberangriff, der Berichten zufolge mit iranischen Akteuren in Verbindung stand ,einen kleinen britischen Stromerzeugerdazu, den Betrieb für vier Tage einzustellen. Die betroffene Anlage wurde nicht öffentlich identifiziert, und die britische Regierung betonte, dass der Vorfall weder das gesamte Stromnetz gefährdete noch zu Stromausfällen führte.
Der Angriff zeigte, dass ein Angreifer den physischen Betrieb einer britischen Energieanlage stören kann, selbst wenn diese Anlage nur einen kleinen Teil der nationalen Erzeugungskapazität ausmacht. Er veranlasste die Regierungzudem dazu, Führungskräfte von Energieunternehmen über den Schutz ihrer Infrastruktur zu informieren. Außerdem zwingt er Energieversorger weltweit dazu, sich die Frage zu stellen: Wenn es in Großbritannien passieren kann, dann kann es auch hier passieren.
Der Vorfall sollte die Annahme in Frage stellen, dass nur große Kraftwerke und Übertragungsnetzbetreiber wertvolle Ziele sind. Kleinere Stromerzeuger, Anlagen für erneuerbare Energien, Umspannwerke und ferngesteuerte Anlagen verfügen möglicherweise über weniger Sicherheitsressourcen, eine weniger ausgereifte Governance und sind stärker auf eine mit dem Internet verbundene Anbindung angewiesen.
Wie der Vorfall in Großbritannien gezeigt hat, müssen Angreifer nicht das nationale Stromnetz kompromittieren, um betrieblichen, finanziellen und rufschädigenden Schaden anzurichten. Sie müssen lediglich eine unzureichend geschützte Anlage finden.
Der Energiesektor wird immer vernetzter. Erzeugungsanlagen, Leitstellen, Smart Grids, Anlagen für erneuerbare Energien und Plattformen von Drittanbietern tauschen zunehmend Betriebsdaten aus. Diese Vernetzung verbessert die Effizienz und das Situationsbewusstsein, schafft aber auch mehr potenzielle Angriffspunkte.
Berichten zufolge nutzen Angreifer KI, um die Aufklärung zu beschleunigen, Schwachstellen zu identifizieren, überzeugende Social-Engineering-Inhalte zu erstellen und Skripte zu entwickeln, die mit industriellen Protokollen interagieren können.
Das bedeutet nicht, dass KI jeden Angreifer plötzlich zu einem Experten für industrielle Steuerungssysteme gemacht hat. Sie hilft Angreifern jedoch dabei, Teile des Angriffsablaufs zu automatisieren und weitaus mehr potenzielle Ziele zu untersuchen. Schwache Konfigurationen, ungeschützte Geräte und unsichere Fernverbindungen können schneller aufgespürt und ausgenutzt werden.
Dies ist besonders besorgniserregend für kleinere Energieversorger und Betreiber dezentraler Energieanlagen. Ein großes Energieunternehmen verfügt möglicherweise über ein eigenes Sicherheitsteam, etablierte Überwachungsmaßnahmen und ausgereifte Fähigkeiten zur Reaktion auf Vorfälle. Ein kleiner Solarpark, ein Spitzenlastkraftwerk oder ein regionaler Energieversorger betreibt hingegen möglicherweise veraltete Anlagen mit eingeschränkter Sicherheitsfunktionalität, Fernzugriff für Anbieter und nur einer dünnen Schutzschicht im Netzwerk.
KI verschafft Angreifern Reichweite. Ein fragmentiertes Energie-Ökosystem bietet ihnen die Möglichkeit, diese zu nutzen.
Operative Technologie lässt sich nicht auf genau dieselbe Weise sichern wie Unternehmens-IT. In einer herkömmlichen IT-Umgebung haben Vertraulichkeit und Datenschutz höchste Priorität. In einer OT-Umgebung im Energiesektor stehen Sicherheit, Integrität, Verfügbarkeit und Kontinuität der Versorgung an erster Stelle.
Mehrere Merkmale machen die Energieinfrastruktur zu einer besonderen Herausforderung:
Die traditionelle Annahme, dass industrielle Netzwerke sicher isoliert sind, ist nicht mehr glaubwürdig. Konnektivität ist mittlerweile ein integraler Bestandteil moderner Energiebetriebe, doch jede Verbindung muss verstanden, begründet und gesichert werden.
Energieunternehmen sollten sich auf eine Reihe praktischer Maßnahmen konzentrieren, die ausnutzbare Schwachstellen reduzieren und gleichzeitig die Betriebssicherheit gewährleisten.
Man kann keine Systeme schützen, von deren Existenz man nichts weiß.
Ein OT-Bestandsverzeichnis sollte Hardware, Software, Firmware, industrielle Protokolle, Netzwerkverbindungen, Systemverantwortliche und betriebliche Abhängigkeiten erfassen. Die Anlagen sollten zudem nach ihrer Kritikalität, ihren Auswirkungen auf die Sicherheit und ihrer Rolle im Erzeugungs- oder Verteilungsprozess klassifiziert werden.
Das Inventar muss kontinuierlich gepflegt werden. Eine statische Tabelle, die im Rahmen eines jährlichen Audits erstellt wird, ist schnell veraltet, da sich Geräte, Konfigurationen und Lieferantenverbindungen ändern.
Energieversorger sollten ermitteln, wie Daten, Nutzer und Dienste zwischen Unternehmens-IT, OT-Netzwerken, Cloud-Plattformen, Anbietern und entfernten Standorten fließen.
Jede Verbindung sollte einen definierten betrieblichen Zweck haben. Unnötige Verbindungen sollten entfernt werden, während erforderliche Verbindungen zentralisiert, standardisiert und durch geeignete Sicherheitsmaßnahmen geschützt werden sollten.
OT-Betreiber müssen Risiken minimieren, Netzwerkgrenzen stärken und eine angemessene Protokollierung sowie Überwachung sicherstellen. Diese Grundsätze sind besonders relevant für dezentrale Energieinfrastrukturen und fernverwaltete Anlagen.
Ein Kompromittieren eines E-Mail-Kontos oder einer Geschäftsanwendung sollte einem Angreifer keinen Zugang zu Erzeugungssystemen ermöglichen.
Energieunternehmen sollten eine klare Trennung zwischen IT- und OT-Netzwerken herstellen, unterstützt durch ordnungsgemäß konfigurierte Firewalls, industrielle demilitarisierte Zonen und streng kontrollierte Kommunikationswege. Kritische Systeme sollten entsprechend ihrer Funktion und ihres Risikos in Zonen unterteilt werden.
Segmentierungskontrollen müssen zudem getestet werden. Ein Netzwerkdiagramm, das die Trennung darstellt, bietet wenig Sicherheit, wenn Firewall-Regeln, unverwaltete Verbindungen oder falsch konfigurierte Geräte es Angreifern ermöglichen, diese zu umgehen.
Der Fernzugriff ist oft für Wartung und Support unerlässlich, bleibt jedoch einer der attraktivsten Einfallstore in eine OT-Umgebung.
Der Zugriff sollte nur bei Bedarf freigegeben werden, eine starke Authentifizierung erfordern und auf bestimmte Systeme und Aktivitäten beschränkt sein. Sitzungen sollten überwacht und protokolliert werden, während inaktive Konten und unnötige Anbieterverbindungen entfernt werden sollten.
Unternehmen müssen zudem wissen, welche Lieferanten Zugriff auf betriebliche Anlagen haben, wie diese Lieferanten ihre eigenen Systeme schützen und was mit den Zugriffsrechten geschieht, wenn sich Verträge oder das Personal ändern.
Herkömmliche IT-Überwachungstools verstehen industrielle Protokolle möglicherweise nicht oder erzeugen Datenverkehr, der sensible OT-Geräte beeinträchtigt. Energieunternehmen benötigen eine Überwachung, die speziell für industrielle Umgebungen konzipiert ist.
Eine passive Netzwerküberwachung kann dabei helfen, normales Betriebsverhalten zu ermitteln, unerwartete Kommunikationsvorgänge zu identifizieren und Veränderungen zu erkennen, ohne physische Prozesse zu beeinträchtigen. Die Überwachung sollte sich über die IT/OT-Grenze hinweg erstrecken, damit Sicherheitsverantwortliche Versuche erkennen können, von kompromittierten Geschäftssystemen zu kritischen Betriebsabläufen vorzudringen.
Nicht jede Schwachstelle kann sofort behoben werden, und nicht jede Schwachstelle birgt das gleiche Risiko.
Beim OT-Schwachstellenmanagement sollte berücksichtigt werden, ob eine Anlage exponiert ist, welche betriebliche Rolle sie spielt, ob ein Exploit verfügbar ist, welche kompensierenden Kontrollmaßnahmen bereits bestehen und welche potenziellen Auswirkungen eine Behebung hat. Patches sollten vor der Bereitstellung getestet und unter Berücksichtigung der betrieblichen Anforderungen geplant werden.
Ist eine Behebung nicht sofort möglich, sollten Unternehmen Isolierung, Zugriffsbeschränkungen, Überwachung, Konfigurationsänderungen oder andere kompensierende Kontrollmaßnahmen in Betracht ziehen.
Ein IT-Handbuch für die Reaktion auf Vorfälle empfiehlt möglicherweise, ein kompromittiertes Gerät zu isolieren oder abzuschalten. In einer OT-Umgebung könnte diese Maßnahme die Stromerzeugung unterbrechen, Anlagen beschädigen oder ein Sicherheitsrisiko darstellen.
Energieunternehmen benötigen Reaktionspläne, die gemeinsam von Sicherheitsteams, Ingenieuren, Betreibern, Sicherheitspersonal, der Unternehmensleitung und relevanten Lieferanten entwickelt werden. Der Plan sollte festlegen, wie das Unternehmen einen Angriff erkennt, eindämmt und sich davon erholt, während gleichzeitig ein möglichst sicherer Betriebszustand aufrechterhalten wird.
In Übungen sollten realistische Szenarien getestet werden, darunter der Verlust der Fernüberwachung, das Eindringen von Ransomware aus der IT in die OT, kompromittierte Zugriffe von Lieferanten sowie die Manipulation industrieller Steuerungssysteme.
Der Schutz der Betriebstechnologie erfordert eine Kombination aus Cybersicherheits-Know-how und praktischem Verständnis für industrielle Systeme. Der spezialisierte OT-Sicherheitsbereich von Integrity360 unterstützt Energieunternehmen dabei, Schwachstellen zu identifizieren, Kontrollmaßnahmen zu stärken und die Widerstandsfähigkeit sowohl in IT- als auch in OT-Umgebungen zu erhöhen.
Unsere Dienstleistungen umfassen:
Integrity360 verbindet spezialisiertes OT-Wissen mit Fachkompetenz im Bereich Unternehmenssicherheit und hilft Unternehmen dabei, den gesamten Angriffspfad abzudecken, anstatt industrielle Systeme als isolierte Umgebung zu betrachten. Unser Team hat kritische Infrastrukturen und Industrieunternehmen in verschiedenen Branchen und auf mehreren Kontinenten unterstützt, darunter Sicherheitsprogramme für Energie- und Erdgasbetriebe.
OT-Resilienz darf nicht bis zum nächsten Angriff warten
Der Energiesektor wird immer vernetzter, während gleichzeitig geopolitische Spannungen, kriminelle Aktivitäten und durch KI verstärkte Angriffe zunehmen. Diese Kombination macht die operative Resilienz zu einer strategischen Notwendigkeit.
Energieunternehmen sollten nicht erst auf einen größeren Ausfall warten, bevor sie sich fragen, ob ihre Anlagen sichtbar sind, ihre Netzwerke ordnungsgemäß segmentiert sind oder ihre Reaktionspläne funktionieren werden. Der viertägige Stillstand eines kleinen britischen Stromerzeugers zeigt, dass Betriebsstörungen bereits möglich sind. Das nächste Ziel könnte größer, stärker vernetzt oder schwieriger wiederherzustellen sein.
Der Schutz der Energieinfrastruktur beginnt damit, zu verstehen, wo das Unternehmen anfällig ist, und den Maßnahmen Priorität einzuräumen, die den größten Einfluss auf Sicherheit, Verfügbarkeit und Widerstandsfähigkeit haben.
Wenden Sie sich an die OT-Sicherheitsspezialisten von Integrity360, um Ihre aktuelle Umgebung zu bewerten, kritische Schwachstellen zu identifizieren und einen praktischen Fahrplan zum Schutz Ihrer Energiebetriebe zu erstellen.
Was versteht man unter OT-Sicherheit im Energiesektor?
OT-Sicherheit schützt die industriellen Systeme, die Energie erzeugen, übertragen, verteilen und verwalten. Dazu gehören industrielle Steuerungssysteme, speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS), Leittechnik- und Datenerfassungssysteme, Umspannwerke sowie ferngesteuerte Erzeugungsanlagen.
Warum ist der Energiesektor ein Ziel von Cyberangreifern?
Die Energieinfrastruktur stellt unverzichtbare Dienstleistungen bereit und hat erhebliche wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung. Eine Störung dieser Infrastruktur kann zu betrieblichen Schäden, öffentlicher Besorgnis und einem allgemeinen Druck auf Regierungen oder Organisationen führen. Energieumgebungen umfassen zudem Altsysteme und dezentrale Anlagen, deren durchgängige Absicherung sich als schwierig erweisen kann.
Was ist das größte OT-Sicherheitsrisiko für Energieunternehmen?
Es gibt kein einzelnes Risiko, das für jeden Betreiber gilt, doch zu den häufigen Schwachstellen zählen unsicherer Fernzugriff, mangelhafte IT/OT-Segmentierung, unvollständige Anlagenbestandsaufnahmen, Altsysteme, nicht mehr unterstützte Software und unzureichende Überwachung industrieller Netzwerke.
Können Energieunternehmen OT-Systeme wie gewöhnliche IT-Systeme patchen?
Nicht immer. OT-Patches müssen geprüft und getestet werden, da Updates die Systemstabilität, Kompatibilität und Betriebssicherheit beeinträchtigen können. Wenn eine sofortige Patch-Installation nicht möglich ist, sollten Unternehmen Ausgleichsmaßnahmen wie Segmentierung, Zugriffsbeschränkungen und eine verstärkte Überwachung implementieren.
Wie sollte ein Energieunternehmen damit beginnen, die OT-Sicherheit zu verbessern?
Beginnen Sie mit einer OT-Risikobewertung und einer genauen Bestandsaufnahme der Anlagen. So lässt sich feststellen, welche Geräte vorhanden sind, wie die Systeme miteinander verbunden sind, welche Anlagen kritisch sind und wo die größten Sicherheitslücken liegen. Die Ergebnisse können dann als Grundlage für einen risikoorientierten Sicherheits- und Sanierungsplan dienen.